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Warum der „Brexit“ auch was Gutes hat – mehr als nur eine Entscheidung

Während des letzten Besuches eines Buchladens stand ich nun wieder vor dem Regal meiner Lieblingsautoren und stellte mir die stets ungeliebte Frage – welches Buch nehme ich? Eine quälende Frage auf der Suche nach der richtigen Wahl und der damit einher gehenden größten Unterhaltung und dem größten Nutzen.

Eine Entscheidung getroffen, den erworbenen neuen Schatz mit nach Hause genommen, auf einen spannenden Moment im Kopf des Schriftstellers und der Figuren hoffend, wurde ich jedoch schnell enttäuscht. Enttäuscht aufgrund meiner falschen Erwartung, enttäuscht von meiner Entscheidung für das vermeintlich „falsche“ Buch.

Währenddessen:
Das Referendum zum „Brexit“ wurde ausgezählt, eine Entscheidung ist gefallen, die Bürger des noch Vereinigten Königreichs haben gewählt, der Moment der großen Analysen und die Zeit der Kristallkügler ist gekommen. Das Unmögliche ist wahr geworden. Die Briten wollen raus. Nicht alle, das ist klar und allein das scheint schon viele zu überraschen. Wahlergebnisse von 98% für die eine oder andere, nein eher für die eine oder die eine Seite, die gab es in der DDR.

Wer ist schuld an diesem Ergebnis? „Wir nicht“ erschallt es reflexartig aus den Palästen in Brüssel, sie haben ja mit den Alleingängen deutscher Politik und deren Folgen zur Flüchtlingsfrage nichts zu tun, und das, so wirft man vor, war ein zentrales Thema und das entzündende Flämmchen für den Austrittswunsch- und willen.

„Ein Königreich, welches fast die halbe Welt erobert hatte, will aus der EU, weil sie mit Immigration nichts zu tun haben will“

Ein oft geteilter Slogan in den Netzwerken. Wer die Vielfalt der Einwohner Großbritanniens nur ansatzweise kennt, kann hier nur mit dem Kopf schütteln. Einwohner der Länder, die einst zum Commonwealth gehörten, haben bis heute noch das uneingeschränkte Recht auf die Insel zu kommen und auch dort zu bleiben. Da die Briten „die halbe Welt erobert“ haben, so gilt dass dann wohl auch für die halbe Welt. Diese Regelung hatte und hat nichts mit einer Mitgliedschaft in der EU zu tun.

„Populismus beschreibt die einfache Antwort auf eine komplexe Frage- und Problemstellung.“

Den Grund haben wir gefunden, aber wer hat sich nach diesem gerichtet? Und was tun wir dagegen? Dezidiert wird diese Frage beantwortet: Es sind die Alten. Eine Mehrheit für den Brexit kam erst durch die Ü 45er zustande, je älter der Wähler oder die Wählerin, umso höher der Anteil der Leaver.

Das scheint für viele Anlass zu sein, über das Wahlrecht im Allgemeinen nachzudenken.

Sollten die Alten noch in Fragen der Zukunft mitbestimmen dürfen? – Ja vielleicht, aber dann evtl. nur noch zum Anteil ihrer zu erwartenden Restlebenszeit. Abgesehen von der Perversion einem Menschen sein Recht auf Mitbestimmung proportional zur erbrachten Leistung gegenüber der Gesellschaft zu entziehen, ist es doch auch einfach nur rotzfrech von den „Alten“ zu sprechen und alles Ü45 zu meinen. In den Diskussionen zum Thema findet man zu meinem Entsetzen kein Entsetzen über diesen abstoßenden Vorschlag, aber es wird darüber diskutiert, wie man die Restlebenszeit definieren könnte, und das man sich bei diesem Ergebnis des Referendums die Frage durchaus stellen darf. Raucher ? Übergewicht ?

Frau Von der Leyen tritt kräftig in die selbe Populismuspedale. Jedoch das die Jungen bis zum und am Wahltag vergangenen Donnerstag offensichtlich kein großes Interesse an ihrer Zukunft hatten, beschreibt sich durch die geringe Wahlbeteiligung in dieser Altersklasse.

Auch in den sozialen Schichten wurde gewühlt, wer denn dem Brexit am nächsten war, und ja, es sind nicht nur die „Alten“, es sind die „Alten und Dummen“, denn dumm ist schon der, der zur unteren Mittelklasse gehört.

Dushan Wegner kommentierte diese Methode noch mit dem kleinen Anstoß, dass auch der Anteil der Behinderten größer bei den Brexitianern als bei den Liebhabern des Cluburlaubs ist. Auch wenn die Schamgrenze schon fast am Boden ist, traut sich dann doch keiner in dieses Kellergewölbe des schlechten Geschmacks.

Das aber auch 38% der 25jährigen und 43% der Eliten für den Brexit stimmten, wird unterschlagen und passt ja auch nicht ins Populisten Bild.

Als Vater einer 19jährigen, Geschichte studierenden, Tochter (Achtung: zukünftige Elite), diskutierten wir das im kleinen Kreis. Schnell zu einem Ergebnis ihrerseits findend, schüttelt sie nur mit dem Kopf, mit der Erkenntnis lebend, als junger Mensch, der außer im familiären Rahmen, gesellschaftlich noch nichts erbracht hat eher das Gefühl empfindet, eben nicht in der Lage zu sein, wichtige Entscheidungen nachhaltig treffen zu können.

Das soll keine, (die gleichen Argumente verwendende) Forderung sein, jungen Menschen das Wählen zu versagen, aber die altruistische Grundeinstellung macht mich als Vater stolz.

Wo ist hier das Postulat der Philanthropen? Deutliche Grenzen wurden überschritten .

Welche Vorschläge und Ideen kommen als nächstes, welche geheimen Wünsche haben denn die Nachwachsenden?

Sozial verträgliches Ableben mit 67 Jahren? Das würde dann auch die Rentenfrage lösen! Teilnahme am Euthanasieprogramm für gesellschaftlich nutzlose und zukunftsgefährdende alte Säcke und Säckinnen gegen Prämienzahlung an die Stiftung zum Bau von Froschtunnel?

Ein neues Referendum wird gefordert, 3 Mio haben hierzu schon eine Petition unterschrieben. Recht wenig, wenn denn doch bald 18 Mio gegen den Brexit stimmten. Nochmal abstimmen, so lange bis das Ergebnis passt? Neben der geistigen Gesundheit spreche ich jedem, der ein neues Referendum ernsthaft als Lösung in Erwägung zieht, den Demokratie- und Freiheitssinn ab. Mehr mit dem Feuer spielen geht nicht. Hierdurch zeigt man auch dem dümmsten Alten, dass der Todesstern in Brüssel die Demokratie vernichtet hat und das Imperium ausgerufen wurde.

Die alten Größen des Kommunismus würden kotzen vor Glück, wenn sie solche Rufe hören könnten, aber auch die alten Faschisten hätten feuchte Augen.

Getroffene Aussagen wie diese stehen den populistischen Äußerungen und der Einfältigkeit auf der Suche nach Ursache und Wirkung den „Parteien des Pöbels“ in nichts nach. Vorgeworfene Methoden werden gedankenlos übernommen.

Vor dem Hintergrund der Gleichmeierei, dem Wunsch als Wächter der Zivilisation anderen ihre Sichtweise aufzudrängen, wird separiert wie selten zuvor in der neuen Geschichte.

Aber auch ohne diesen Selbstmordakt hat der Begriff Europäische Union mittlerweile so viel mit Einigkeit zu tun, wie die DDR mit Demokratie. Herr Augstein, der das „Oxi“ der Griechen zum EU Austritt noch als einen klaren demokratischen Entschluss bewertete, in dem er diesem Votum auch Respekt aussprach, empfindet das Brexit Referendum als großen Mist, da die Demokratie komplizierter ist, als ein einfaches Ja oder Nein, oder weil ihm das Ergebnis nicht passt.

Auch ohne jetzt näher darauf einzugehen weshalb meiner Ansicht nach die Briten so abgestimmt haben, wie sie es eben nun gemacht haben, komme ich auf einen vorherigen Absatz zurück

„Wer ist schuld an diesem Ergebnis? „Wir nicht“, das ist EU einhellige Meinung. Die EU hat nichts unternommen, um ihre Vorzüge zu bewerben. Auf die Frage, warum man in der EU bleiben sollte, folgte ein genervtes „Weil es für uns alle besser ist“. Einem europäischen Volk, welches immer mehr darauf getrimmt wird Eigenverantwortung zu übernehmen, sei es bei Gesundheit oder Altersvorsorge, für eine Gemeinschaft mit drohender Altersarmut und Jugendarbeitslosigkeit, sollte diese Antwort nicht reichen. Absurde Argumente, wie Reisefreiheit, Roaminggebühren oder vor Dummheit strotzende Aussagen, jetzt in GB wieder Geld tauschen zu müssen, wenn das die Remainer sind, dann sollten wir unsere Eliten neu definieren.

Das Leid durch die kleinlich und schwachsinnigen Beschlüsse der EU Kommissionen ist für den Normalbürger durchaus spürbar und lässt mich dankbar sein, dass die Verantwortlichen nicht zufällig auch Piloten sind. Die wirklich großen internationalen Entscheidungen, Flüchtlingsverteilung, Gesundheitsschutz, die bekommen die Damen und Herren nicht hin, und hier könnten sie ihre Kernkompetenz zeigen, wenn ich doch eine erkennen würde.

Wie groß die Überschätzung der Führer dieser Nationen ist, das „Gerhard Schröder Syndrom“, hat Mr. Cameron wieder deutlich gemacht. Wie der Ex Kanzler sich seiner Sache zu Neuwahlen sicher war, so hatte Premier Cameron auch ein anderes Ergebnis erwartet und muss erkennen, dass die eigenen metakognitiven Fähigkeiten rudimentär sind

Er untermauert hierdurch noch den Eindruck vom Eindruck. Martin Schulz, EU Parlamentspräsident und Jean Claude Juncker, EU Kommissionspräsident scheinen vom selben Virus befallen, wenn man sich ihre trotzigen Aussagen zum Brexit anhört, aber auch die Bemerkung von Frau Merkel, der Frieden in Europa sei keine Selbstverständlichkeit, genannt im Zusammenhang mit der EU Austrittserklärung, toppt noch De Maizieres „wenn sie wüssten“. Panik und Angst wird in der Art verbreitet, dass sich ausländische Terroristen schon bei Jobbörsen nach neuen Tätigkeiten umschauen.

Aber zurück zum Anfang, zum Kauf des Buches und zur Analogie zum Referendum Ja es war das falsche Buch, und es hat mich Geld gekostet, ja ich habe es bereut dieses und nicht das andere Buch gekauft zu haben. ABER immer wieder werde ich diesen süßen Schmerz der Unentschlossenheit und der Qual der Wahl geniessen, und die Tatsache, das mir niemand eine Pflichtlektüre in die Hand drückt, denn wer die Wahl hat, genießt auch Freiheit und lernt für sein Handeln auch Verantwortung zu übernehmen.

Wichtig ist und war, dass die Briten gewählt haben, und mit Demut aber auch mit Stolz werden sie die Folgen tragen, das gilt es zu respektieren.

 

In eigener Sache:

Auch wenn das letzte Kölner Forum für Journalismuskritik herausgefunden hat, dass nicht hinter jedem WordPress Blog ein Journalist steckt, daher dieser Blog auch kein Medium darstellt, wage ich es einfach mal weiterhin „Bürgerzubloggen“ – Für Martin Schulz z.Zt. EU Parlamentsspräsident hat ja die Buchhändlerlehre auch gereicht.

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