Kommunikationsatheisten

Die infantile Art des Dialogs, die Verwechslung von gesichertem Wissen mit Meinung.

Auch wenn einem schon viele Argumente durch den Kopf schwirren über das, was man ausdrücken und schreiben möchte, legt sich mir beim Anblick des weißen Bildschirms eine schwere Decke auf die einzelnen Typen der Tatstatur. Die Frage nach dem : wie fange ich an. Der Beginn eines Artikels, das Sortieren der Gedanken war schon immer eine kleine Herausforderung, aber das Spüren dieses Nebels, dieser Barriere scheint schwerer denn je.

Wünschenswert ist es, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und auch von denen, die man erreicht, so viele wie möglich dahin gehend zu motivieren, den ganzen Text zu lesen. Jedoch wenn es um mehr geht als um Tipps und Tricks für den Haushalt, wenn es um soziologische oder politische Bereiche geht, scheint mir die Republik in drei Lager gespalten. Links, Rechts und die drei doofen Affen. Das erschwert die weitreichende Weckung des Interesses. Schon mit dem ersten „falschen“ Satz erreicht man nur noch ein Drittel der „Gemeinde“, die drei doofen Affen sind eh schon vor der Ouvertüre aus dem Rennen. Das andere Drittel leckt gerade den Stempel an, Platz in der Schublade wurde gemacht, und wenn wirklich noch bis zum dritten Satz gelesen wird, bist du schon der Feind. Dahin ist die Zeit der Unkenntlichkeit, die Momente in denen man stundenlang über Gott und die Welt diskutieren konnte.

Die Verwendung des Begriffs Atheismus, also die Überzeugung das es keinen Gott gibt, im Kontext Kommunikation ist bewusst gewählt. Die Fähigkeit zur verbalen Auseinandersetzung, zum beschließen von Kompromissen und dem mitteilen von Gefühlen, neben Mimik und Gestik, ersetzte in vielen Fällen die Notwendigkeit Ansichten und Ansprüche mit dem Knüppel zu verbreiten. Kommunikation hat was göttliches, und wie in vielen Belangen der „Religion“, entwickeln sich auch hier augenscheinlich Gruppierungen von Fanatikern und Extremisten. Wie in religiösen Anleitungen der extremen Art, in der es meist nur schwarz und weiß gibt, verschließt man sich  vor der Tatsache, dass Kommunikation was fließendes ist und nicht nur sein kann, eine Interaktion – nicht mit Gott, sondern mit einem seiner Geschöpfe, wie viele glauben wollen; oder zu wissen meinen ? –

Für die einen Meinung, für die anderen Wissen. Politik und Religion, beide Themen hatten schon immer das einzigartige Potential zu grenzenlosen und ausschweifenden Diskussionen. Emotionale Beweggründe stehen  hinter Argumenten, man erlebt hierzu auch hitzig geführte Debatten, denn emotionale Themen tun sich schwer mit kognitiven Lernzielen. Sicher sollten Grundregeln das „Event“ Debatte rahmen, aber das ist und kann kein starres Gerüst sein, sondern eine ständig seine Form verändernde Blase, ähnlich der ach so kitschigen Lavalampe.

Provokant darf eine These, eine Fragestellung auf jeden Fall sein, selbst absurde Ansichten sollen ihren Platz bekommen, denn es liegt immer noch an mir zu entscheiden, ob es inhaltlich den Wert hat in eine Debatte einzusteigen.

Verändert hat sich  jedoch der Anspruch des Einzelnen, das alles, was nicht zur eigenen Weltanschauung passt, vermeintlich beleidigenden Charakter hat. Es wird nicht  diskutiert, es wird nur noch kritisiert, kommentiert und immer öfter auch denunziert. Es wird nur zugehört oder gelesen um zu antworten und nicht, um zu verstehen. Alles was einem nicht passt wird nicht nur in Frage gestellt, was absolut legitim wäre, nein es wird versucht zu unterdrücken gerne mit den doch so verhassten populistischen Mitteln. Bei vielen Kommentaren muss ich nochmal genau hinschauen, wer das gesagt oder geschrieben hat, um zu wissen, ob es von rechts oder links kommt, denn ein Unterschied ist oft nicht mehr deutlich. „Rechts ist wie Links, nur auf der anderen Seite“ gilt da leider nicht nur für den Fußballplatz, denn die populistischen Instrumente der verschiedenen politischen Richtungen sind sehr oft die gleichen. Gerne amüsiere ich mich z.B. über Hr. Stegner von der SPD auf Twitter, der Stil seiner Kommentare erinnert mich immer an meine Kindheit. Aber soll er! Warum nicht ?

Eine wirklich billige, ach was, die billigste Art der Diskussionsführung ist das rauskramen von „Schwächen“ – da wird gerne die Rechtschreibprüfung übernommen jedoch inhaltlich alles ignoriert, der Schreiberling wird lächerlich gemacht. Ich frage mich immer wie das zielgerichtet sein kann. Wie will ich jemanden argumentativ einfangen, wenn ich im kindergärtlichen Klugscheißermodus agiere. Natürlich, irgendwie haben wir das alle schon mal gemacht, aber welches Ergebnis zu erwarten war, das war klar. Genauso klar wie polarisierend und das dann nichts mehr geht, wen wundert`s. Es gibt da keine Ziele.

Kritische Diskussionen sind wichtig, aber wer hört schon gerne Kritik. Kritik braucht nicht nur eine Kompetenz im Aushalten, die passive Kritikfähigkeit, sondern auch im Aussprechen, der aktiven Kritikfähigkeit. Kritik wird unterschieden von:

  • Skepsis, die niemals vergisst, dass auch sie selbst irren kann
  • Verriss,  Schmähkritik, die nicht auf eine Verbesserung abzielt, sondern auf  Vernichtung
  • Schmähkritik, nicht mit Argumenten geführt  die auf Verächtlichmachung einer kritisierten Person abzielt
  • Tadel und Schelte, missbilligenden Beurteilungen, Erziehungsmittel
  • Rüge, einer missbilligenden Beurteilung
  • Krittelei, kleinliches Kritisieren  Tendenz zum NörgelnÜberprüfen sie sich selber, wie oft sie mit ihrer Art der Kritik einer vernünftigen Diskussion eigentlich im Wege stehen.

Aus der psychologischen Perspektive weiß auch der Kritisierende, das seine Kritik selten gern gehört ist. Die Kritikkompetenz ist eine erlernte Fähigkeit. Sie zielt darauf ab, die erhaltene Kritik nicht als Angriff gegen die eigene Person zu verstehen, sondern als nützlichen Hinweis und Kritik so zu üben, dass sie, anstatt zu kränken, doch eher als motivierend aufgenommen wird. Wenn wir über den fairen Ansatz von Kritik sprechen, so kommt doch dann eher die Skepsis in Frage. Aber wie bei allem Gelernten : don’t use it you lose it.

Überprüfen sie sich selber, wie oft sie mit ihrer Art der Kritik einer vernünftigen Diskussion eigentlich im Wege stehen.

Eine Frage ist keine Kritik.

Dushan Wegner , Texter und Autor mit dem Spezialgebiet der politischen Sprache, bringt es oft auf den Punkt. Kommentare als auch Artikel zeugen von Verstand und dem notwendigen Herz für die gewählten Themen. Offen für alle Themen und seinem Magister in Philosophie entsprechend, stellt er viel in Frage und beleuchtet daher aus verschiedenen Richtungen.

Wer Fragen stellt wie :“Wer ist übler? Der kalkulierende Provokant oder der dankbare Provozierte“ in Anlehnung an Gauland vs. Boateng, wird gerne klassifiziert, obgleich er doch nur eine Frage stellte.  Nach genau dem gerade genannten Schema wird Herr Wegner politisch „ganz klar“ eingeordnet, dann beschimpft man ihn noch, aber – jetzt kommt der Funken Hoffnung – es hat doch was harmonisches, die Einigkeit über differente Ansichten. wenn man sie sieht.

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Den „umstrittenen“ Artikel können sie hier lesen

Es sei hier noch erwähnt, das Jerome Boateng für mein Verständnis hervorragend reagiert hat und Sami Khedira bringt es auf den Punkt. Es geht um gemeinsame Werte und lass doch den Gauland quatschen. …“man muss nicht alles kommentieren“, Herr Grindel, der amtierende DFB Präsident, „[…]Wir lassen nicht zu, dass auf dem Rücken eines unserer Spieler Politik gemacht wird[…]“, verunstaltet mit seiner politisch verstopften Art ein wenig den eigentlich schönen und kurzen Bericht von N24 – denn natürlich wird mit den Spielern Politik gemacht – gerade hinsichtlich Migrationshintergrund, den unterschiedlichen Kulturen aber eben den gemeinsamen Werten und Zielen als das wirklich Wichtige. Und das ist auch gut so!

Auch ein herzliches „Du bist ein Idiot“ als Reaktion auf ein durch mich vorgebrachtes Argument erzürnt mich eher selten, justiziabel wär es für mich noch lange nicht. Amüsiert meine ich aber zu beobachten das gerade die, die lauthals gegen Hatespeech sowie der „Verwechslung“ von Meinung und Beleidigung protestieren, stets schärfere Gesetze fordern, auch jene sind, die sich mit dem Glauben die Gerechtigkeit auf ihrer Seite zu haben, in Wort und Text vergreifen. Für mein Empfinden höre ich das immer mehr und mehr auf dem linken Ohr.

Das Phänomen Internet, was längst keines mehr ist, lässt hier aber absurde Ausflüge zu, die Art Exkurse, die man im gelebten Leben so nicht machen würde.

Würden sie als Schalke Fan während eines Bundesligaspiels gegen den BVB in eine BVB Kneipe gehen? Na klar, warum nicht. Muss ich davon ausgehen, dass ich abwertende Kommentare gegen S04 höre ? Muss ich damit rechnen, dass ich rausfliege, wenn ich unentwegt „BVB ist scheiße“ skandiere? Zweimal : JA Verstanden ? Noch nicht ? Ok ! Gehen Sie auf eine Weinmesse als Biertrinker und rufen in den Saal „Wein ist scheiße“? Nein? Ich auch nicht aber genau das kann man in den Social Networks, die in vielen Fällen schon das echte Leben ersetzt haben, beobachten. Menschen mit klarer politischer Gesinnung, ob rechts oder links, treiben sich auf den Foren der anderen rum und starten ihre Reflexempörung – und da nimmt sich keine Seite was. Da wird auch auf 4 Zoll gesucht was das Zeug hält, ob nicht jemand eine Beleidigung ausgestoßen hat oder ob das ein Hasskommentar sein könnte . So genau weiß man das vielleicht nicht, aber vorsichtshalber bringen wir das zur Anzeige.

Szenenwechsel : Jetzt stellen sie sich den Schalke Fan vor, wie er auf der Polizeiwache auf dem Schoß des Polizisten hockt und Anzeige erstatten will, weil er rausgeflogen ist aus der Kaschemme und „die“ ihn „Scheiß Schalker“ genannt haben. Jetzt könnte man spekulieren, ob er eher eine Standpauke wegen groben Unfugs bekommen sollte oder ob der Bundesjustizminister ein neues Gesetz vorschlägt, welches das Verhalten gegenüber vereinsfremder Kneipentouristen im gegnerischen Lager regelt.

Manuel Barth

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