Eindrücke & Blickwinkel

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Wir alle stehen an diesem Morgen auf. Wie jeden Morgen. Keiner weis, dass er dem Anderen heute noch begegnen wird und doch hat jeder seine Rolle.

Am Vormittag, ein sonniger Tag, der wärmste Tag der Woche, ist es dann soweit, eine Aneinanderreihung von Widrigkeiten und Zufällen – jeder kennt die eigenen Vorwürfe an sich selbst : Hätt ich doch noch beim Becker angehalten, oder doch nicht noch die eine Zigarette mit dem Kollegen geraucht, dann hätte dieses Zusammentreffen niemals stattgefunden.

Ein toter junger Mann, ein LKW Fahrer, Zeugen, Polizei und der Rettungsdienst. Schnell ist klar, dass für den Radfahrer jede Hilfe zu spät kommt.
Man sieht das hektische Treiben der weiterhin Beteiligten.
Man möchte was unternehmen.
Man hört es hier und dort weinen, man sieht zittrige Hände und blasse Gesichter – und doch, das Ergebnis steht unwiderruflich fest.

Die Einsatzkräfte sind bemüht den Ort des Geschehens abzuschirmen, die ersten Gaffer sind in „Hab Acht“ und checken den „Set“ – es wird wohl nicht mehr lange dauern und wir werden erleben, wie Drohnen in den Himmel steigen. Gaffer – die Pickel am Arsch der Pietät.

Nun gilt es sich um die Lebenden zu kümmern – diese primär mental aufzufangen. Der Tod ist ein Problem der Lebenden, und wenn er, der Tot, vom „Himmel fällt“ kann man das fast schon hören, dass es einen an die Geräusche einer legendären Bud Spencer Klopperei erinnert.

Ein Streßsyndrom – oder auch der „Schock“ wie er im Volksmund genannt wird, kann sich leicht zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Eine normale Reaktion auf eine nicht normale Situation – kann sich kunterbunt darstellen. (PTBS-Hilfe) und ist vielfältig. Die Folgen sind oft Vermeidungsverhalten, Schuldgefühle, Rückzug. Unser Denken, unsere Psyche ist ein gerissener Bauernfänger und früh, schon sehr früh versucht man durch Vermeidung schlauer zu sein als der Trickbetrüger.

So wie einst Captain James Tiberius Kirk aus dem „Kobayashi Maru Test“ als Sieger hervorging, in dem er das System beschiss das die Warp Gondeln wackelten, so versuchen wir genau das mit unserer „Birne“, und Jim Kirk würde vor Respekt den Hut ziehen, über was sich dann alles so in einer Situation unterhalten wird.

Für einen Moment glaubt man fast, dass die Erde für ein paar Sekunden still steht. Kein Verkehrslärm – die Umgebung ist weiträumig abgesperrt, alle Einsatzfahrzeuge haben die Motoren abgestellt, die Vögel zwitschern als ob es sie alles nichts angeht – ist ihnen sogar scheißegal.
Nur der Besoffene, der mit einem Polizisten streitet, weil er durch die Absperrung will, stört den Moment.
Aber nicht lange, dann hört man wie zwei Häuser weiter vermutlich jemand sein Parkett schleift, ein Getränkewagen an der Kneipe Sprit ablädt – und sicher ruft auch gerade jemand die Feuerwehr, weil er Heiser ist, ne Taxe sparen will oder zu faul ist, zum Hausarzt zu gehen.

Ich bediene mich mal in starker Abwandlung der Worte Ernst Reuters: An alle Zuvielwoller und Alleswisser: Schaut auf diesen Platz und erkennt das ihr mit euern scheiß Wehwehchen nicht die Feuerwehr braucht!

Als Einsatzkraft hat man oft mit dem Tot zu tun – erst recht in einer großen Stadt wie Berlin, Doch immer wieder ist es was „besonderes“, wenn es einen jüngeren Menschen so plötzlich trifft und der Umstand dann auch noch so ist, dass er nachhaltig das Leben anderer beeinflusst.

Man glaubt zwar, dass man „Cohones“ hat wie ein bolivianischer Waldesel und die ganze Angelegenheit nach Abschluss zu den Akten legt, doch wenn am Tag nach der Schicht die eigene Tochter fragt, ob sie mit dem Fahrrad zum Imbiss fahren kann, dann weis man genau : Am Arsch !

Manuel Barth

 

2 Gedanken zu „Eindrücke & Blickwinkel

  1. Luise

    Ich mache den Job grundsätzlich gern. Jedoch wächst auch mit jeder Schicht der Frust über solche Tage wie diesem. Man unterstützt die Dummheit & Faulheit der Mitbürger & Mitbürgerinnen ( weiß falsche Reihenfolge bla bla bla) & geschätzt wird unsere Arbeit schon lang nicht mehr. Doch dann fährst du einmal zu einem Einsatz für den du ausgebildet bist, für den du da bist, wo man helfen will ,alles gibt, doch man steht mit leeren Händen da. Abschalten ist schwer seit 1,5 Jahren. Ich habe jetzt mehr Verantwortung für mich & dem wichtigsten Menschen in meinem Leben. Gern würde ich sie in Watte packen & nach jeder Schicht auswerten was davon kann ihr auch passieren, wie kann ich sie schützen. Leider ist das Ergebnis jedesmal das selbe. Es ist unmöglich. Es dauert noch bis sie allein zum Bäcker fährt aber die Zeit kommt & manchmal hab ich jetzt schon Angst davor.
    Ich glaube wir sehen zuviel & lieben unsere Nächsten zu sehr um „dicke Eier“ zu haben. Und ich glaube das ist auch gut so.

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