Kategorie-Archiv: Philosophie

Alles aus dem „Warum wir leben“

Das Verurteilen der Emotionen – Pseudoakademisches Trendsetting

Meine Wut über die Anschläge kürzlich in Berlin lässt mich schwer die ersten Worte finden, und doch landen wir gerade deshalb genau da, wo ich hin möchte. Man überlegt „Was kannst du schreiben, wie kannst du es sagen?“ und ich merke schon hier, dass ich Gefangener der „Emotionstrendsetter“  ganz im Sinne eines Vulkaniers zu werden drohe.

Noch im Juli schrieb ich über den Anschlag in Nizza, bzw. über die Reaktionen danach. Wenn man sich den Artikel von vor fast einem halben Jahr heranzieht und einfach nur den Namen der Stadt und die Namen diverser Akteure ändert, so hat der Inhalt die gleiche Gültigkeit wie seinerzeit. Ein exemplarischer Beweis dafür, dass Verantwortliche der Länder, unseres Landes, resistenter als der schlimmste Schnupfenvirus scheinen.

„Meinen Hass bekommt ihr nicht“ – doch nur was man kommen lässt, geht auch wieder

Wer hat da jetzt reininterpretiert, dass damit nun alle Menschen den Hass bekommen ?
Natürlich richtet sich das gegen den Attentäter, gegen die Unterstützer, gegen Fanatismus. Aller Couleur.

Hass ist nicht mehr als die höchste Form der Abneigung einem Peiniger gegenüber und letzten Endes geht es darum, wie weit wir in der Lage sind mit unserem Hass umzugehen. Was kommt, das geht auch wieder, und der emotional intelligente Mensch hat es auch in der Hand, negative Gefühle wieder ziehen zu lassen.
Menschen die jetzt meinen, dass die, die hassen eben das nicht sind, emotional intelligent, denen sei gesagt, dass sie in der Argumentation genau dem erliegen was sie beklagen. Hass gegenüber jedem, der nicht genauso fühlt und denkt.

Wir sind emotionale Wesen – der eine mehr, der andere weniger.

Wir sind traurig, wenn Bambis Mutter erschossen wird.

Ängstlich schauen wir durch einen Spalt der Finger einer Hand, wenn in einem Gruselfilm die schnelle Abfolge von Geigengefiedel einen nächsten Schockmoment einleitet.

Wütend reagieren wir, wenn die Kinder verprügelt nachhause kommen (hier braucht es schon viel weniger – die „ungerechte“ Lehrerin reicht oft schon) .

Aber wenn ein Antimensch, so ein Mistsack wie der Attentäter (zuerst kamen mir unsägliche Beschreibungen in den Sinn, wie: gestört, impotent, kleineirig)  12 Menschen tot fährt, dann müssen wir uns zusammenreißen ?
Wir dürfen traurig sein, das geht noch, aber eigentlich sollen wir vernünftig sein ?
Das ist keine angepasste und auch keine angemessene Reaktion.

Ist euch noch zu helfen ?
Natürlich bekommt dieser nachgemachte Mensch meine ganze Wut.

Liebe Entsetzte, liebe Herzchenmaler. Wut bringt unsere Leidenschaft für Gerechtigkeit und Wahrheit zum Ausdruck, Wut ist keine Aggression. Es ist nicht immer angebracht, Wut auszudrücken, aber es ist niemals richtig, Wut zu unterdrücken.

„Die meisten von uns verwechseln Wut mit Aggression, das ist schon mal das Erste. Aber Wut, in ihrer reinen Form, ist eine verletzliche Emotion. Sie ist eine Art zu zeigen, dass einem etwas wichtig ist und dies energetisch zu betonen. Das ist keine Scham und keine Beschuldigung, nur Feuer. Es ist eine Energie, die eine Beziehung vertieft, wenn sie gut aufgenommen wird. Aggression sieht in manchen Fällen ähnlich aus wie Wut.“ – Robert August Masters 

Der amerikanische Therapeut Robert August Masters redet von einer „achtsam gehaltenen Wut“ – die bewusst wahrgenommene Wut, einem durchaus konstruktiveren Gefühl als das der lähmenden Angst, was einem Ersaufen gleichkommt.
Wir lernen was uns wirklich verletzt hat und wir lernen die Verletzung zu verarbeiten.

Nochmal:
Liebe Entsetzte, liebe Herzchenmaler.
Trauert und fühlt, wie ihr es für richtig haltet.
Erzählt nicht, euer Schweigen und Innehalten sei die einzig zivilisierte Form.
Lasst ab von eurer Überheblichkeit, die einzige Lösung zu kennen.
Wieder einmal zu wissen, was das Beste für die Menschen ist, für die Menschen Europas – wie sie zu fühlen haben, was sie zu denken haben, wie sie sich auszudrücken haben. Das ähnelt erschreckend mehr der dunklen deutschen Vergangenheit, als uns allen lieb ist.

Ein Wort zum Schluss:

Wenn ich Opfer einer Gewalttat werde, dann bitte klagt für mich, sagt es laut, wie ungerecht es ist. Sagt das nicht nur für mich, macht das für meine Angehörigen. Lernt daraus. Sagt, das man aus dem Verlust was lernen wird. Zeigt ihnen, dass es hier nicht darum geht, die 91-jährige Tante zu betrauern, die nach einem langen und erfüllten Leben von uns ging – nein redet laut über das aus dem Moment gerissene Leben.

Habt so viel Pietät und erstarrt nicht im „Nichtstun“

 

 

 

 

 

Wenn ich ihre Meinung hören möchte, so sage ich ihnen welche…

Ein Glück wissen die richtigen Leute, was heute normal ist, wissen genau, wenn die Welt aus den Fugen gerät, können uns sagen, was geschmacklos ist und was halt zur normalen Entwicklung unserer Zeit gehört, was am besten für die Gesellschaft ist, für das Land und Europa.

So sehen sich unsere politischen „Eliten“ in Deutschland und werden oft beklatscht. Von „liberalen“, von selbstkompostierbaren Kohle- und Atomaussteigern begeistert empfangen und verteidigt und doch erinnert mich diese eher wenig bescheidene Selbsteinschätzung des Establishment an den Geschichtsunterricht mit der recht großzügigen Überschrift „Von der Demokratie zum 2. Weltkrieg“.

Zurückblickend auf die Finanzkrise in der nahen Vergangenheit bis hin zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise weiß zum Glück der politisch engagierte und arbeitende deutsche Akademiker bescheid. Er weiß genau, was für den Kontinent und die Menschen weltweit am besten ist und erzürnt sich zurecht über Wahlausgänge, die doch ganz anders prognostiziert wurden. Systeme, die bei eigenem Vorankommen höchst berechtigt sind, müssen bei Niederlagen in Frage gestellt werden, denn das System kann nicht stimmen.
Wenn es korrekt gewesen wäre, dann hätte das Ergebnis ihren Vorstellungen entsprochen. Also versucht man das System zu untergraben, was mich auch wieder an Zeiten der Kanzlerwahl unter Hindenburg erinnert.

Während Sven-Torben, von seiner Mutter ermutigt, zum Tuschkasten greift und die Bundesländer Mecklenburg Vorpommern, Sachsen und Bayern im kindgerechten Atlas mit dem Naturhaarpinsel braun übermalt, regt man sich bei Bachblüten und Tee, eingewickelt in einem Schaal aus gewaltfreier Seide darüber auf, welch Unglück vom Ausgang der US-Wahlen ausgeht.

Trump wird uns Katastrophen bringen, heißt es, und doch versuche ich die Kriege zu zählen, die uns die „gemäßigten Politiker“ und Präsidenten der USA in den letzten 50 Jahren eingebracht haben – bitte vergessen wir die Stellvertreterkriege nicht, in denen keine direkte Beteiligung das US Militär nicht kämpfte.

Mag ich Trump? Keine Ahnung – aber mochte ich Bush – vorher und nachher nicht. Obama? Was hat er geändert?  Versteht einer den Konflikt in Syrien? Für mich wirkt das wie eine große Arena, in der sich alle Hooligans dieser Welt treffen, um sich gegenseitig die Jacke in Brand zu setzen.

Aber dennoch wissen erst recht deutsche Politiker bescheid. In ihrem großartigen Ratschluss wissen sie, dass das nicht normal ist, dass das nur Protest ist. Was? Der Brexit, die AFD und der Trump. Wir müssen die Ängste ernst nehmen, wir müssen den Leuten zuhören. Dennoch versucht die Politik ein versöhnliches Gespräch immer wieder mit einem repräsentativen „Pass mal auf“ zu beginnen, obgleich eigentlich jeder Achtklässler weiß, dass ergebnisorientierte Rhetorik so nicht funktioniert. Regelmäßig sehe und höre ich jedoch schnappatmend von hochgebildeten Politikern wie Claudia Roth und vielen anderen „Packsagern“ derart Eskalationsgebrüll.

Gesiegt hat er, der Trump, sagt man, weil er ein Ohr für „the forgotten one“ hat – und prompt hört man die Analyse im deutschen Fernsehen, was das denn für einer ist, „the forgotten one“ und klopfe mir gleichzeitig mit zwei Fingern an meine Carotis externa, um meinen Blutdruck rein homöopathisch in den Griff zu bekommen. Es ist der Mittelstand, der die USA groß gemacht hat. Der Mittelstand, der jetzt mittellos ist, raunt es über den Bildschirm und doch trotz meiner fehlenden akademischen Ausbildung glaube ich in meiner infantilen Naivität was ganz anderes: „the forgotten one“ ist der, der sich „forgotten“ fühlt, und gewonnen hat der Trump, weil ihr so einen Bullshit erzählt.

Frech dreist, frauenverachtend, rassistisch soll er sein der Trump. Doch der gemeine Amerikaner scheint zu glauben, dass es nicht das ist, was man als Trumps Alleinstellungsmerkmal bezeichnen kann. Der Amerikaner glaubt vielleicht, dass die Anderen genauso sind, doch halt viel verlogener.
Das trumpsche Phänomen liegt evntl. darin,  es für sich „einzuräumen“. Das wirkt erfrischend.

Nochmal? Wie viele Kriege haben uns die gelernten Berufspolitiker beschert?

Eine metakognitive Ordnung des eigenen Wertesystems würde unseren Anführern gut tun. Von Führungspersonal aller Bereiche erwartet man eine, wenn auch minimale, Grundbildung in Arbeitspsychologie und Kompetenz im Umgang mit Menschen, speziell auch Untergebenen. Woher haben unsere Politiker diese Kompetenz? Das eine Petra Hinz das nicht hatte erklärt sich aus dem Umstand, dass sie eh nicht studierte aber ich denke auch ein Jurist oder Physiker wird eher nur ein mittelmäßiger Jurist oder Physiker als ein guter Menschenversteher sein.

Und dennoch könnte man schon bei ein ganz wenig Interesse was über z.B. Ängste von Menschen lernen. Speziell, was aktuelle Ängste durch Arbeitslosgkeit, Kriminalität, Krankheit und Zuwanderung etc. angeht, ist das nicht wirklich kompliziert und ist daher für mich noch viel mehr Ausdruck mangelnden Interesses.
Angst ist die Emotion des Werteverlusts.
Jemandem der Angst hat zu sagen, er brauche keine haben, symbolisiert vielmehr ein beschränktes Verständnis von Angst und Psychologie, als ein ernsthaftes verstehen wollen der Ursache. Stets auf Ängste reagieren zu müssen gleicht eher dem Hinterherlaufen der Ursache. Ignoriert werden die entstehenden Faktoren. Es wird zu spät erklärt und viel zu spät reagiert, und Kämpfer für die Demokratie bedienen sich jener antidemokratischen, diskrimienirenden Methoden derer, die sie vorgeben zu bekämpfen -aber hey, es ist ja für ne gerechte Sache – mal schauen, wann man dann mal wieder Folter zur Verbrechensbekämpfung in Betracht zieht.

Die Menschen fressen den Brexit, den Trump und und und – aber den Mist gekocht, liebes Establishment, das habt ihr. Denn um irgendwas braun zu färben, dafür muss man mit rot mischen.

 

Die Pietätlosigkeit des Erstarrens

Trauer / Verbitterung / Hilflosigkeit /

Der gestrige Anschlag auf feiernde Menschen in Nizza stimmt mich mehr als traurig. Der Spiegel Online Journalist Hasnain Kazim hat meine Empfindung zumindest für mich recht zutreffend via Twitter formuliert : „Heute ist wieder so ein Tag, wo der Drang, mehr zu wissen, und der Wunsch, bei Verstand zu bleiben, gegeneinander arbeiten.“

Obgleich wir es eigentlich wussten, es hätten wissen sollen, wurden wir daran erinnert, dass es heute kein klassisches Terrorcamp mehr braucht, um Angst, Schrecken und Tod zu verbreiten. Es braucht keine wochenlange Planung und Vorbereitung. Es braucht keine dunklen Kanäle und es braucht auch nicht viel Geld, um illegal Waffen auf dem Schwarzmarkt zu erwerben.
Ein Führerschein, 50€ für die Ausleihe eines  LKW und ein Irrer reichen aus, um mehr Elend zu verbreiten, als es die meisten Sprengsätze verursachen können.

Die der Trauer folgende Verbitterung sorgte für die nächste stark emotionale Heimsuchung an diesem Tag. Die Reaktionen vieler Vertreter der Presse und Politik gleichen „dem Fehler in der Matrix“. Alles schon mal gehört und noch ne Schippe drauf. Das eigentliche Ereignis wird relativiert. Pressevertreter kritisieren aufs schärfste ihre eigene Zunft und äußern Empörung über gezeigtes Bildmaterial und die Berichterstattung.
Doch so sieht Terror aus! So sehen Menschen von innen aus! Das ist die nackte Gewalt, die pure Grausamkeit! Natürlich ist ein Standbild, eine Archivaufnahme, ein gedruckter Satz oder das vorgelesene Kommentar eines rhetorisch geschulten Beschönigers verdaulicher. Diese Art Nachrichten, die man aus dem noch laufenden Fernseher aus dem Wohnzimmer auch zum Abendessen vernehmen kann, ohne es eigentlich wahrzunehmen. Das sind die Nachrichten, die ich schon von Kindesbeinen an hören kann. Meldungen über die ETA, IRA, RAF, PLO, dem Irak/Iran Krieg, Balkankrieg, Libanon und und und .

Es hat nichts geändert.
So schön weit weg.

„Der Soldat James Ryan“ sorgte seinerzeit für Empörung, weil er Bilder zeigte, was Gewalt mit einem Körper, mit einem Menschen anrichtet, wie ein Schlachtfeld aussieht. Die Menschen schienen weniger darüber empört, dass es wirklich so ist, als dass man es ihnen servierte.
Bekannte Verhaltensmuster oder auch Vermeidungsstrategien, die es als erstes in der Psychotherapie aufzulösen, und vor allem zu benennen, gilt.
Man muss das Problem und die Tragweite erkennen, bevor man mit dem Wunsch es zu lösen an die Arbeit gehen kann.
Doch am liebsten ist es uns, den bösen Brief nicht aufzumachen, erst recht nicht, wenn es eine Rechnung ist. Wir legen alles in die größte Schublade, am besten ganz nach unten, unter die Anleitung für das IPhone.

In diesem Moment brauchen wir ihn. „Peter Zwegat“, und der kommt daher in der Gestalt der überwältigten Politik, der überwältigten Regierung, unserer obersten Executive.
„Tief bestürzt“, „wir trauern“, „das Entsetzen ist schwer in Worte zu fassen“, „Unsere Gedanken sind bei den Opfern“, „PrayforNice“, sind die Schlagzeilen aus Kreisen der Anführer.

Im n-tv Interview warnt der FDP Vorsitzende Christian Lindner. Er hält es für pietätlos mit symbolhaften Forderungen zu arbeiten und empfiehlt erst mal eine gemeinsame Phase der Besinnung und Trauer.

Stellen sie sich vor, sie haben einen Unfall oder sie müssen schnell operiert werden. Sie brauchen Hilfe und eine Lösung.
Doch das ausführende Organ, „die mit dem Plan“, der Arzt, der Sanitäter, überrascht von ihrer Verletzung, beide völlig überwältigt von der Situation.
Das ist nicht das, was sie erwarten, das verurteilt sie zur Hilflosigkeit.
Ich erwarte nicht nur, sondern ich verlange, dass man darauf vorbereitet ist.
Wenn man über die Möglichkeiten des Terrors wirklich überrascht ist, jetzt in unserer Zeit, der letzten Anschläge wissend, und nicht nur so tut, dann macht mir das noch viel mehr Angst.

Pietätlos ist nur das Erstarren.
Die Phase der Besinnung und/oder der Trauer, die braucht es sicher.
Wenn man verloren oder aufgegeben hat. Oder nach dem Eingriff, um inhaltlich beim vorherigen Absatz zu bleiben.

Die stetig steigende Zahl der Anschläge und die darauf folgende „Besinnung“ gleicht einem dauerhaften klösterlichen Rückzug, denn bevor man sich berappelt bittet der nächste Attentäter zur „Phase“.

Ich erwarte von meinen Anführern, dass sie einen Plan haben den sie benennen können, nicht ein narrativ entschlossenes Vorgehen. Gefährder identifizieren und unter Überwachung stellen ist der Versuch sich mit Judoregeln gegen einen angetrunkenen Straßenkeiler zu stellen und lässt den Mangel an der Wahrnehmung des Gegners vermuten. Bei diesem stoisch-abstrakten  „Wir müssen was tun“ sollte man über die Errichtung einer fachärztlichen Ausbildung zum Blabla-ulogen nachdenken.

Er, Herr Lindner, hat recht wenn er sagt, die Terroristen wollen, dass wir unser Leben verändern, dass wir Angst haben. Wie jedoch stellt er sich seine Forderung vor, dem nicht nachzugeben, um dem Terror nicht den Sieg zu lassen? Der Terror selber kann nicht verlieren, er gewinnt immer und wer das noch nicht verstanden hat glaubt immer noch, dass kriegerische Konflikte wie zu Zeiten des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in der Lineartaktik, in der Feind gegenüber Feind steht und man in geschlossenen Reihen aufeinander ballert, geführt werden.
Der eigene Tod des Terroristen ist nicht nur einkalkuliert, er ist geplant, daher verliert er nicht, er nimmt nur mehr oder weniger mit.

In seinen weiteren Erklärungen weist er darauf hin, dass es auch Zweck des Terrors ist uns zu radikalisieren und zu destabilisieren, und diesem dürfen wir in keinem Fall erliegen. Dem Reflex auf keinem Fall dem rechten Rand in die Hände spielen zu wollen kann auch er sich nicht entziehen und warnt vor pauschaler Kritik am Islam. Die Gefahr der Reaktanz ist offenbar immer noch nicht verstanden worden, mit Relativierung und mit „ja aber“ füttert man eher die rechtsextreme Szene.

Merkels Stellungnahme auf N24 unter Verwendung oft genannter Textbausteine, abgelesen von einem mittlerweile wahrscheinlich stark abgegrabbelten Zettel, sprach mir wenig Mut zu.
Ihr Gesichtsausdruck stand auch in großem Wiederspruch zum Gesagten, ich denke sie glaubt sich schon selber nicht mehr. Nach diesem nur wenige Sekunden langen „Au weia“ war es einfach nur noch leer.
In meinem inneren Auge sah ich mich in Richtung der Kabine eines Fußballplatzes gehen, mit tief gesenkten Schultern.
Nachdem wir 0:12 verloren haben.
Zuhause.
Gegen eine unerfahrene Mannschaft.
Die nur mit 5 Mann angetreten ist.

Ich fühle mich traurig, verbittert und hilflos – miese Gefühle für jeden, als Vater fühlt sich das  noch mieser an.

 

 

Kommunikationsatheisten

Die infantile Art des Dialogs, die Verwechslung von gesichertem Wissen mit Meinung.

Auch wenn einem schon viele Argumente durch den Kopf schwirren über das, was man ausdrücken und schreiben möchte, legt sich mir beim Anblick des weißen Bildschirms eine schwere Decke auf die einzelnen Typen der Tatstatur. Die Frage nach dem : wie fange ich an. Der Beginn eines Artikels, das Sortieren der Gedanken war schon immer eine kleine Herausforderung, aber das Spüren dieses Nebels, dieser Barriere scheint schwerer denn je.

Wünschenswert ist es, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und auch von denen, die man erreicht, so viele wie möglich dahin gehend zu motivieren, den ganzen Text zu lesen. Jedoch wenn es um mehr geht als um Tipps und Tricks für den Haushalt, wenn es um soziologische oder politische Bereiche geht, scheint mir die Republik in drei Lager gespalten. Links, Rechts und die drei doofen Affen. Das erschwert die weitreichende Weckung des Interesses. Schon mit dem ersten „falschen“ Satz erreicht man nur noch ein Drittel der „Gemeinde“, die drei doofen Affen sind eh schon vor der Ouvertüre aus dem Rennen. Das andere Drittel leckt gerade den Stempel an, Platz in der Schublade wurde gemacht, und wenn wirklich noch bis zum dritten Satz gelesen wird, bist du schon der Feind. Dahin ist die Zeit der Unkenntlichkeit, die Momente in denen man stundenlang über Gott und die Welt diskutieren konnte.

Die Verwendung des Begriffs Atheismus, also die Überzeugung das es keinen Gott gibt, im Kontext Kommunikation ist bewusst gewählt. Die Fähigkeit zur verbalen Auseinandersetzung, zum beschließen von Kompromissen und dem mitteilen von Gefühlen, neben Mimik und Gestik, ersetzte in vielen Fällen die Notwendigkeit Ansichten und Ansprüche mit dem Knüppel zu verbreiten. Kommunikation hat was göttliches, und wie in vielen Belangen der „Religion“, entwickeln sich auch hier augenscheinlich Gruppierungen von Fanatikern und Extremisten. Wie in religiösen Anleitungen der extremen Art, in der es meist nur schwarz und weiß gibt, verschließt man sich  vor der Tatsache, dass Kommunikation was fließendes ist und nicht nur sein kann, eine Interaktion – nicht mit Gott, sondern mit einem seiner Geschöpfe, wie viele glauben wollen; oder zu wissen meinen ? –

Für die einen Meinung, für die anderen Wissen. Politik und Religion, beide Themen hatten schon immer das einzigartige Potential zu grenzenlosen und ausschweifenden Diskussionen. Emotionale Beweggründe stehen  hinter Argumenten, man erlebt hierzu auch hitzig geführte Debatten, denn emotionale Themen tun sich schwer mit kognitiven Lernzielen. Sicher sollten Grundregeln das „Event“ Debatte rahmen, aber das ist und kann kein starres Gerüst sein, sondern eine ständig seine Form verändernde Blase, ähnlich der ach so kitschigen Lavalampe.

Provokant darf eine These, eine Fragestellung auf jeden Fall sein, selbst absurde Ansichten sollen ihren Platz bekommen, denn es liegt immer noch an mir zu entscheiden, ob es inhaltlich den Wert hat in eine Debatte einzusteigen.

Verändert hat sich  jedoch der Anspruch des Einzelnen, das alles, was nicht zur eigenen Weltanschauung passt, vermeintlich beleidigenden Charakter hat. Es wird nicht  diskutiert, es wird nur noch kritisiert, kommentiert und immer öfter auch denunziert. Es wird nur zugehört oder gelesen um zu antworten und nicht, um zu verstehen. Alles was einem nicht passt wird nicht nur in Frage gestellt, was absolut legitim wäre, nein es wird versucht zu unterdrücken gerne mit den doch so verhassten populistischen Mitteln. Bei vielen Kommentaren muss ich nochmal genau hinschauen, wer das gesagt oder geschrieben hat, um zu wissen, ob es von rechts oder links kommt, denn ein Unterschied ist oft nicht mehr deutlich. „Rechts ist wie Links, nur auf der anderen Seite“ gilt da leider nicht nur für den Fußballplatz, denn die populistischen Instrumente der verschiedenen politischen Richtungen sind sehr oft die gleichen. Gerne amüsiere ich mich z.B. über Hr. Stegner von der SPD auf Twitter, der Stil seiner Kommentare erinnert mich immer an meine Kindheit. Aber soll er! Warum nicht ?

Eine wirklich billige, ach was, die billigste Art der Diskussionsführung ist das rauskramen von „Schwächen“ – da wird gerne die Rechtschreibprüfung übernommen jedoch inhaltlich alles ignoriert, der Schreiberling wird lächerlich gemacht. Ich frage mich immer wie das zielgerichtet sein kann. Wie will ich jemanden argumentativ einfangen, wenn ich im kindergärtlichen Klugscheißermodus agiere. Natürlich, irgendwie haben wir das alle schon mal gemacht, aber welches Ergebnis zu erwarten war, das war klar. Genauso klar wie polarisierend und das dann nichts mehr geht, wen wundert`s. Es gibt da keine Ziele.

Kritische Diskussionen sind wichtig, aber wer hört schon gerne Kritik. Kritik braucht nicht nur eine Kompetenz im Aushalten, die passive Kritikfähigkeit, sondern auch im Aussprechen, der aktiven Kritikfähigkeit. Kritik wird unterschieden von:

  • Skepsis, die niemals vergisst, dass auch sie selbst irren kann
  • Verriss,  Schmähkritik, die nicht auf eine Verbesserung abzielt, sondern auf  Vernichtung
  • Schmähkritik, nicht mit Argumenten geführt  die auf Verächtlichmachung einer kritisierten Person abzielt
  • Tadel und Schelte, missbilligenden Beurteilungen, Erziehungsmittel
  • Rüge, einer missbilligenden Beurteilung
  • Krittelei, kleinliches Kritisieren  Tendenz zum NörgelnÜberprüfen sie sich selber, wie oft sie mit ihrer Art der Kritik einer vernünftigen Diskussion eigentlich im Wege stehen.

Aus der psychologischen Perspektive weiß auch der Kritisierende, das seine Kritik selten gern gehört ist. Die Kritikkompetenz ist eine erlernte Fähigkeit. Sie zielt darauf ab, die erhaltene Kritik nicht als Angriff gegen die eigene Person zu verstehen, sondern als nützlichen Hinweis und Kritik so zu üben, dass sie, anstatt zu kränken, doch eher als motivierend aufgenommen wird. Wenn wir über den fairen Ansatz von Kritik sprechen, so kommt doch dann eher die Skepsis in Frage. Aber wie bei allem Gelernten : don’t use it you lose it.

Überprüfen sie sich selber, wie oft sie mit ihrer Art der Kritik einer vernünftigen Diskussion eigentlich im Wege stehen.

Eine Frage ist keine Kritik.

Dushan Wegner , Texter und Autor mit dem Spezialgebiet der politischen Sprache, bringt es oft auf den Punkt. Kommentare als auch Artikel zeugen von Verstand und dem notwendigen Herz für die gewählten Themen. Offen für alle Themen und seinem Magister in Philosophie entsprechend, stellt er viel in Frage und beleuchtet daher aus verschiedenen Richtungen.

Wer Fragen stellt wie :“Wer ist übler? Der kalkulierende Provokant oder der dankbare Provozierte“ in Anlehnung an Gauland vs. Boateng, wird gerne klassifiziert, obgleich er doch nur eine Frage stellte.  Nach genau dem gerade genannten Schema wird Herr Wegner politisch „ganz klar“ eingeordnet, dann beschimpft man ihn noch, aber – jetzt kommt der Funken Hoffnung – es hat doch was harmonisches, die Einigkeit über differente Ansichten. wenn man sie sieht.

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Den „umstrittenen“ Artikel können sie hier lesen

Es sei hier noch erwähnt, das Jerome Boateng für mein Verständnis hervorragend reagiert hat und Sami Khedira bringt es auf den Punkt. Es geht um gemeinsame Werte und lass doch den Gauland quatschen. …“man muss nicht alles kommentieren“, Herr Grindel, der amtierende DFB Präsident, „[…]Wir lassen nicht zu, dass auf dem Rücken eines unserer Spieler Politik gemacht wird[…]“, verunstaltet mit seiner politisch verstopften Art ein wenig den eigentlich schönen und kurzen Bericht von N24 – denn natürlich wird mit den Spielern Politik gemacht – gerade hinsichtlich Migrationshintergrund, den unterschiedlichen Kulturen aber eben den gemeinsamen Werten und Zielen als das wirklich Wichtige. Und das ist auch gut so!

Auch ein herzliches „Du bist ein Idiot“ als Reaktion auf ein durch mich vorgebrachtes Argument erzürnt mich eher selten, justiziabel wär es für mich noch lange nicht. Amüsiert meine ich aber zu beobachten das gerade die, die lauthals gegen Hatespeech sowie der „Verwechslung“ von Meinung und Beleidigung protestieren, stets schärfere Gesetze fordern, auch jene sind, die sich mit dem Glauben die Gerechtigkeit auf ihrer Seite zu haben, in Wort und Text vergreifen. Für mein Empfinden höre ich das immer mehr und mehr auf dem linken Ohr.

Das Phänomen Internet, was längst keines mehr ist, lässt hier aber absurde Ausflüge zu, die Art Exkurse, die man im gelebten Leben so nicht machen würde.

Würden sie als Schalke Fan während eines Bundesligaspiels gegen den BVB in eine BVB Kneipe gehen? Na klar, warum nicht. Muss ich davon ausgehen, dass ich abwertende Kommentare gegen S04 höre ? Muss ich damit rechnen, dass ich rausfliege, wenn ich unentwegt „BVB ist scheiße“ skandiere? Zweimal : JA Verstanden ? Noch nicht ? Ok ! Gehen Sie auf eine Weinmesse als Biertrinker und rufen in den Saal „Wein ist scheiße“? Nein? Ich auch nicht aber genau das kann man in den Social Networks, die in vielen Fällen schon das echte Leben ersetzt haben, beobachten. Menschen mit klarer politischer Gesinnung, ob rechts oder links, treiben sich auf den Foren der anderen rum und starten ihre Reflexempörung – und da nimmt sich keine Seite was. Da wird auch auf 4 Zoll gesucht was das Zeug hält, ob nicht jemand eine Beleidigung ausgestoßen hat oder ob das ein Hasskommentar sein könnte . So genau weiß man das vielleicht nicht, aber vorsichtshalber bringen wir das zur Anzeige.

Szenenwechsel : Jetzt stellen sie sich den Schalke Fan vor, wie er auf der Polizeiwache auf dem Schoß des Polizisten hockt und Anzeige erstatten will, weil er rausgeflogen ist aus der Kaschemme und „die“ ihn „Scheiß Schalker“ genannt haben. Jetzt könnte man spekulieren, ob er eher eine Standpauke wegen groben Unfugs bekommen sollte oder ob der Bundesjustizminister ein neues Gesetz vorschlägt, welches das Verhalten gegenüber vereinsfremder Kneipentouristen im gegnerischen Lager regelt.

Manuel Barth

Eindrücke & Blickwinkel

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Wir alle stehen an diesem Morgen auf. Wie jeden Morgen. Keiner weis, dass er dem Anderen heute noch begegnen wird und doch hat jeder seine Rolle.

Am Vormittag, ein sonniger Tag, der wärmste Tag der Woche, ist es dann soweit, eine Aneinanderreihung von Widrigkeiten und Zufällen – jeder kennt die eigenen Vorwürfe an sich selbst : Hätt ich doch noch beim Becker angehalten, oder doch nicht noch die eine Zigarette mit dem Kollegen geraucht, dann hätte dieses Zusammentreffen niemals stattgefunden.

Ein toter junger Mann, ein LKW Fahrer, Zeugen, Polizei und der Rettungsdienst. Schnell ist klar, dass für den Radfahrer jede Hilfe zu spät kommt.
Man sieht das hektische Treiben der weiterhin Beteiligten.
Man möchte was unternehmen.
Man hört es hier und dort weinen, man sieht zittrige Hände und blasse Gesichter – und doch, das Ergebnis steht unwiderruflich fest.

Die Einsatzkräfte sind bemüht den Ort des Geschehens abzuschirmen, die ersten Gaffer sind in „Hab Acht“ und checken den „Set“ – es wird wohl nicht mehr lange dauern und wir werden erleben, wie Drohnen in den Himmel steigen. Gaffer – die Pickel am Arsch der Pietät.

Nun gilt es sich um die Lebenden zu kümmern – diese primär mental aufzufangen. Der Tod ist ein Problem der Lebenden, und wenn er, der Tot, vom „Himmel fällt“ kann man das fast schon hören, dass es einen an die Geräusche einer legendären Bud Spencer Klopperei erinnert.

Ein Streßsyndrom – oder auch der „Schock“ wie er im Volksmund genannt wird, kann sich leicht zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Eine normale Reaktion auf eine nicht normale Situation – kann sich kunterbunt darstellen. (PTBS-Hilfe) und ist vielfältig. Die Folgen sind oft Vermeidungsverhalten, Schuldgefühle, Rückzug. Unser Denken, unsere Psyche ist ein gerissener Bauernfänger und früh, schon sehr früh versucht man durch Vermeidung schlauer zu sein als der Trickbetrüger.

So wie einst Captain James Tiberius Kirk aus dem „Kobayashi Maru Test“ als Sieger hervorging, in dem er das System beschiss das die Warp Gondeln wackelten, so versuchen wir genau das mit unserer „Birne“, und Jim Kirk würde vor Respekt den Hut ziehen, über was sich dann alles so in einer Situation unterhalten wird.

Für einen Moment glaubt man fast, dass die Erde für ein paar Sekunden still steht. Kein Verkehrslärm – die Umgebung ist weiträumig abgesperrt, alle Einsatzfahrzeuge haben die Motoren abgestellt, die Vögel zwitschern als ob es sie alles nichts angeht – ist ihnen sogar scheißegal.
Nur der Besoffene, der mit einem Polizisten streitet, weil er durch die Absperrung will, stört den Moment.
Aber nicht lange, dann hört man wie zwei Häuser weiter vermutlich jemand sein Parkett schleift, ein Getränkewagen an der Kneipe Sprit ablädt – und sicher ruft auch gerade jemand die Feuerwehr, weil er Heiser ist, ne Taxe sparen will oder zu faul ist, zum Hausarzt zu gehen.

Ich bediene mich mal in starker Abwandlung der Worte Ernst Reuters: An alle Zuvielwoller und Alleswisser: Schaut auf diesen Platz und erkennt das ihr mit euern scheiß Wehwehchen nicht die Feuerwehr braucht!

Als Einsatzkraft hat man oft mit dem Tot zu tun – erst recht in einer großen Stadt wie Berlin, Doch immer wieder ist es was „besonderes“, wenn es einen jüngeren Menschen so plötzlich trifft und der Umstand dann auch noch so ist, dass er nachhaltig das Leben anderer beeinflusst.

Man glaubt zwar, dass man „Cohones“ hat wie ein bolivianischer Waldesel und die ganze Angelegenheit nach Abschluss zu den Akten legt, doch wenn am Tag nach der Schicht die eigene Tochter fragt, ob sie mit dem Fahrrad zum Imbiss fahren kann, dann weis man genau : Am Arsch !

Manuel Barth